Sitzen ist das neue Rauchen: Vermeiden von Tätigkeiten im Sitzen beim Umgang mit Kniearthrose

May 23, 2019



Jede Packung Zigaretten, die heute verkauft wird, enthält einen bekannten Warnhinweis: Wenn Sie jetzt mit dem Rauchen aufhören, können Sie Ihre Gesundheitsrisiken erheblich reduzieren. Seitdem diese Warnetiketten vor Jahrzehnten zum ersten Mal auf den Markt kamen, ist die Raucherquote bei Erwachsenen rückläufig.

Aber was wäre, wenn andere Gegenstände im Alltag auch mit einem Warnschild versehen wären? 

Stellen Sie sich dieses Szenario vor: Wenn Sie eines Tages zur Arbeit kommen, sehen Sie auf Ihrem Bürostuhl jetzt ein auffälliges Warnschild: Nicht hinsetzen! Zu viel Sitzen kann Ihre Gesundheit schädigen. Wenn Sie am gleichen Abend nach Hause zurückkehren, hängt ein Plakat über Ihrem Sofa: Sitzen kann tödlich sein.

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Offenbar werden wir immer häufiger aufgefordert, Tätigkeiten im Sitzen zu vermeiden. Heute können fortschrittliche Schreibtische Ihren täglichen Arbeitsplatz in ein Stehpult verwandeln. Tischplatten können hydraulisch auf verschiedene Höhen angehoben werden. Es gibt sogar Schreibtische, die an Laufbändern angebracht sind, sodass Sie Ihre 10.000 Schritte laufen können, während Sie Ihre To-do-Liste abarbeiten.

Wenn Sie jedoch zu den Millionen von Menschen gehören, die unter chronischen Knieschmerzen, Steifheit und Schwellungen im Zusammenhang mit Arthrose (OA) leiden, ist langes Stehen das Letzte, was Sie wollen. Sitzen könnte tatsächlich eine Ihrer bevorzugten Methoden zur Entlastung bei arthrosebedingten Knieschmerzen sein.

Aber Vorsicht: Neue Studien bestätigen immer öfter eine unbequeme Wahrheit: Zu viel Sitzen kann uns töten.

Dr. James Levine von der Mayo Clinic, der den Satz „Sitzen ist das neue Rauchen" geprägt hat, sagt: „Sitzen ist gefährlicher als Rauchen, tötet mehr Menschen als HIV und ist tückischer als Fallschirmspringen. Wir sitzen uns zu Tode ... Der Stuhl wird uns umbringen."

Kann Sitzen wirklich tödlich sein? 

In einer im Jahr 2012 durchgeführte Studie an fast 223.000 erwachsenen Australiern durchgeführten Studie wurde festgestellt, dass Menschen, die mehr als elf Stunden am Tag saßen, ein 40 % höheres Sterberisiko in den nächsten drei Jahren hatten als Menschen, die weniger als vier Stunden täglich saßen. Die Forscher stellten fest, dass die körperliche Aktivität, das Gewicht und der Gesundheitszustand einer Person für ihr relatives Risiko keine Rolle spielten. Die beunruhigenden Zahlen wurden bestätigt.

Den Angaben des Forschers Dr. Hidde van der Ploeg von der University of Sydney zufolge, kann längeres Sitzen erhebliche Stoffwechselprobleme verursachen. Dazu gehören höhere Triglyceridspiegel im Blut, die das Risiko für Herzkrankheiten oder einen Schlaganfall erhöhen können. Personen, die zu lange saßen, wiesen geringere Spiegel an hochdichtem Lipoprotein (oder „gutem" Cholesterin) und eine verringerte Insulinsensitivität auf, was zu einem höheren Blutzuckerspiegel möglicherweise zu Diabetes führen könnte.

Es gibt andere Warnzeichen, dass Sitzen auch zu Herzbeschwerden beitragen kann.  Eine 2010 an der University of South Carolina durchgeführte Studie ergab, dass Männer, die länger als 23 Stunden pro Woche im Sitzen verbrachten, fast ein um zwei Drittel höheres Risiko hatten, an Herzerkrankungen zu sterben als Männer, die weniger als 11 Stunden pro Woche im Sitzen verbrachten.

Dabei spielt es offenbar keine Rolle, ob das Sitzen eine beruflich bedingt ist oder der Entspannung zu Hause dient. In einer Studie, die im Juni 2018 im American Journal of Epidemiology veröffentlicht wurde, wird berichtet, dass Menschen, die sechs oder mehr Stunden pro Tag saßen, auch in der Freizeit zu Hause, ein höheres Risiko hatten, an verschiedenen Erkrankungen zu sterben, darunter kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Nierenerkrankungen, COPD, Verdauungsstörungen sowie Parkinson und Alzheimer-Erkrankungen.

In der Zwischenzeit analysierten Forscher der Mayo Clinic 13 verschiedene Studien, in denen die Sitzzeit und das Aktivitätsniveau von mehr als 1 Million Menschen bewertet wurden. Sie fanden heraus, dass sogar körperlich gesunde Personen, die länger als acht Stunden am Tag ohne körperliche Betätigung saßen, ein ähnliches Sterberisiko aufwiesen wie Raucher oder fettleibige Personen. 

Bewegung und Bewegungsapparat

Es gibt jedoch einige Lichtblicke bei diesen finsteren Daten. Die Analyse der Mayo Clinic ergab auch, dass 60 bis 75 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Tag die Auswirkungen zu langen Sitzens entgegenwirken kann.

Dies ist eigentlich eine gute Nachricht für alle, mit Ausnahme derjenigen mit der Diagnose „Arthrose", der weltweit häufigsten Gelenkerkrankung. Millionen von Menschen auf der ganzen Welt haben täglich mit dieser Krankheit zu tun und suchen nach Möglichkeiten, die Knieschmerzen zu lindern. Jeder Vorschlag „einfach nicht mehr zu sitzen, und im Freien mehr Sport zu treiben" hilft da sicher wenig.

Das liegt daran, dass Arthrose, die oft als „Verschleiß" beschrieben wird, den allmählichen Abbau von Knorpel und eine zunehmende Entzündung mit sich bringt, was zu chronischen Knieschmerzen und häufig zur Schwächung des Kniegelenks führt. Mit fortschreitender Arthrose wird der Knorpel, der die Knochenenden schützt, allmählich abgebaut, die Gelenkflüssigkeit verliert ihre stoßdämpfenden Eigenschaften und die Knochen beginnen gegeneinander zu reiben. Dies kann Schmerzen, Schwellungen und Probleme beim Bewegen des Gelenks verursachen.

Der Schmerz, der sowohl stumpf und schmerzhaft als auch scharf und intensiv sein kann, ist in der Regel bei bestimmten Aktivitäten, die das Gelenk zusätzlich belasten, schlimmer, z. B. beim Bücken oder Treppensteigen.

Während eine Person mit Arthrose vielleicht nur sitzen und sich ausruhen möchte, vermitteln Mediziner immer stärker die Botschaft, dass man lieber stehen als sitzen soll. Und sie sind nicht die einzigen, die so argumentieren: Laut der US-amerikanischen Arthritis Foundation ist körperliche Aktivität die beste nichtmedikamentöse Behandlung zur Funktionsverbesserung bei arthrosebedingten Schmerzen.

Aber selbst wenn Arthrosepatienten weniger sitzen wollten, sind die möglichen Nebenwirkungen eines dauerhaften Verzichts auf das Sitzen fast undenkbar. Die erhöhten körperlichen Belastungen des kontinuierlichen Stehens führen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu stärker Muskelermüdung, Schmerzen und Steifheit, die häufige Symptome bei Arthrose sind.

Was soll eine Person mit Arthrose also tun?

Eine Möglichkeit besteht darin, Ihren Arzt nach einer Entlastungsorthese zu fragen, mit der der Druck auf das Gelenk des erkrankten Knies mechanisch verringert werden soll. Eine der besten Orthesen bei Arthrose ist die Unloader One® von Össur, die die Arthoseschmerzen nachweislich lindert. Die leichte, unauffällige Orthese kann bei täglichen Aktivitäten unter der Kleidung getragen werden, und die Patienten berichten auch von einem geringeren Bedarf an Schmerzmitteln.

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Einfache Tipps für mehr Zeit im Stehen 

Wenn Sie versuchen, mehr Zeit im Stehen als im Sitzen zu verbringen, sollten Sie die folgenden Vorschläge der Mayo Clinic berücksichtigen:

  • Stellen Sie eine Erinnerung auf Ihrer Uhr ein, damit Sie zum Beispiel alle 30 Minuten aufstehen können. Stehen Sie auf und machen Sie einen kurzen Spaziergang, um den Kreislauf in Schwung zu bringen.
  • Stehen Sie immer, wenn Sie telefonieren oder fernsehen.
  • Probieren Sie ein Stehpult aus oder improvisieren Sie mit einem hohen Tisch oder einer Theke an Ihrem Arbeitsplatz.
  • Wie wäre es mit einem Spaziergang mit Ihren Kollegen, anstatt bei einer Besprechung im Konferenzraum zu sitzen?


Sie können auch bei routinemäßigen Tätigkeiten zu Hause mehr stehen, indem Sie diese Tipps der das American Cancer Society befolgen: 

  • Versuchen Sie, die Wäsche im Stehen zusammenzulegen.
  • Machen Sie beim Fernsehen einige einfache Bewegungs- und Dehnübungen.
  • Machen Sie es sich zur Aufgabe, auf die Beine zu kommen – stehen Sie in jeder Werbepause auf und tun Sie etwas, anstatt zwischen den Sendern umzuschalten oder auf die Fortsetzung der Sendung zu warten. 

Für viele von uns ist die Vorstellung, dass Sitzen genauso gefährlich ist wie Rauchen, eine große – und unliebsame – Überraschung. Auch wenn es schwierig sein mag, diese Vorstellung zu akzeptieren, denken Sie daran, dass in den 1950er-Jahren eine Gallup-Umfrage ergab, dass nur 44 % der Amerikaner glaubten, dass Rauchen Krebs verursacht. Daher wird es wahrscheinlich einige Zeit dauern, bis die dokumentierten Gefahren von zu viel Sitzen von der breiten Öffentlichkeit allgemein akzeptiert werden. Obwohl wir wahrscheinlich niemals medizinische Warnhinweise auf unseren Stühlen und Sofas sehen werden, lautet die einfache Wahrheit: Je eher wir anfangen, weniger zu sitzen, desto gesünder.