Sportprothetik
Grundsätzlich sollte jeder, der sich sportlich mit Prothesen betätigen möchte, sich zunächst im Klaren sein, welche Sportart er in Zukunft verfolgen möchte.
Es ist ein Fehler zu glauben, dass eine Sportprothese allein den Anwender zu einem Spitzenathleten macht! Daher sollte der Anwender, wenn er sich für eine Sportart entschlossen hat, diese zunächst mit seiner Alltagsprothese ausprobieren. Ideal wäre es, wenn er einen Verein oder einen Trainer finden kann, der motiviert ist, amputierte Menschen sportlich zu fördern. Das hat den Vorteil, dass man von Anfang an die richtigen Bewegungen beigebracht bekommt.Wenn sich bereits mit der Alltagsprothese herausstellt, dass ein Talent für den Sport vorhanden ist, steht einer speziellen Sportversorgung nichts mehr im Weg. Allerdings muss der Anwender sich zugestehen, dass er mit seinem neuen Sportgerät sehr viele Trainingseinheiten absolvieren muss, bis er die Vorteile dieser Versorgung tatsächlich spürt. Es ist wie im Formel-1-Rennsport! Nicht jeder der einen Führerschein besitzt, kann sofort Bestzeiten mit einem Formel-1-Boliden erzielen!
Wichtig ist, dass der Sportler Kontinuität in seinen Trainingsalltag bringt. Das bedeutet, er muss einen Trainer haben, der mit ihm gemeinsam Ziele setzt. Entsprechend müssen die Trainingseinheiten abgestimmt sein. Weiterhin ist er auf einen Orthopädietechniker angewiesen, der bereit ist, das Sportgerät immer wieder den neuen Gegebenheiten anzupassen.
Die Prothesentechnik spielt eine nicht unerhebliche Rolle im Behindertensport. Wenn der Sportler gelernt hat, sein „Sportgerät“ zu nutzen, wird es immer wieder dazu führen, dass neue Einstellungen der Statik notwendig sind. Bei den Sprintern sind es in erster Linie die Füße bzw. die Karbon-Feder-Füße, die den entscheidenden Meter ausmachen können. Wichtig ist, dass der Anwender selbst die Passteile ausprobieren muss. Er selbst kann zunächst subjektiv beurteilen, ob sich ein Fuß oder ein Kniegelenk besser anfühlt. Er muss ein gutes Gefühl für die neuen Bauteile bekommen. Weiterhin sind Videoanalysen unentbeehrlich. Für das menschliche Auge sind die Bewegungsabläufe während eines Sprints oder auch einer Wurfdisziplin nur schwer, bzw. gar nicht erkennbar. Die Analysen führen dazu, dass der Techniker zusammen mit dem Trainer feststellen kann, ob die Statik der Prothese geändert werden muss, oder ob der Sportler an gewissen Bereichen mehr Muskelstabilität antrainieren muss.
Erst wenn alle diese Komponenten übereinstimmen, wird der Sportler erfolgreich seiner Sportart nachgehen können. Diese Erfahrungen haben wir, APT Aktiv Prothesentechnik, selbst sammeln müssen. Wir haben vor ca. 4 Jahren angefangen, den Sprinter Heinrich Popow mit einer Sportprothese zu versorgen. Persönlich betreue ich ihn bereits seit seinem 9. Lebensjahr. Vor vier Jahren hat er mein Angebot angenommen, ihn in den Bereich der Leichtathletik zu bringen. Vorher kannte er nur den Schulsport mit seiner Alltagsprothese. Er war auf der Hundertmeterstrecke damals schon so schnell, dass er in Atlanta mit dieser Zeit noch eine Medaille gewonnen hätte. Er hat damals geglaubt, er könne mal locker 2 Sekunden mit einer speziellen Sportprothese schneller laufen! Heinrich Popow ist knieexamputiert. Durch den langen Hebel und die volle Stumpfendbelastbarkeit bringt er die besten Voraussetzungen mit, um die Sprintdisziplinen 100m, 200m und den Weitsprung zu absolvieren. Allerdings hatte er sich das Unterfangen anfangs leichter vorgestellt. Seine Trainingseinheiten waren sehr unregelmäßig. Es gab keine Kontinuität im Trainingsalltag. Dieses führte dazu, dass wir Heinrich in den ersten zwei Jahren mindestens zehn Schäfte bauen mussten. Wir haben ihn mit einem Silicon-Gel-Liner versorgt. Seitdem versuchen wir, dieses Verfahren bei jedem unserer knieexamputierten Anwender einzusetzen! Der herkömmliche Weichwand-Innentrichter wurde durch den Silicon-Gel-Liner ersetzt. Wir stellten einen gefensterten Schaft her, sodass er mit seinen Kondylen durch die Kondylenklammer schlupfen konnte. Da die Belastung im Stumpfendbereich weitaus größer ist als im Alltagsleben, haben wir den Schaft zusätzlich mit einem weichen Stumpfendpolster versehen. Um die Schlupfwirkung zu reduzieren, wurde zusätzlich ein Verschlussmechanismus von uns an der Prothese angebracht. Bei Alltagsprothesen ist dieses nicht zwingend erforderlich!
Als Fuß haben wir den Cheetah Flex-Foot® eingesetzt. Diese Karbonfeder war ursprünglich nur für den Einsatz an Unterschenkel-Sportprothesen vorgesehen. Die Federwirkung hat sich für den Sportler gegenüber der normalen Oberschenkel-Karbonfeder als sehr angenehm gestaltet. Der Federweg ist durch die hintere Biegung wesentlich höher. Das Laufbild wirkt wesentlich harmonischer und der Kraftaufwand verringert sich durch eine höhere Energierückgabe. Die Auswahl der richtigen Kategorie erfolgt jeweils durch Testen der einzelnen Kategorien. Grundsätzlich ist die Auswahl der Kategorie vom Körpergewicht des Anwenders und von der Sportart abhängig.
In der Videoanalyse konnten wir feststellen, dass bei voller Belastung des Karbon-Fußes die Fußspitze derart in der Luft stand, dass Heinrich fast mit der Biegung auftrat. Wir haben zunächst eine höhere Kategorie getestet. Dieses führte allerdings zu Rückenschmerzen. Wir sind wieder auf die ursprüngliche Kategorie zurückgegangen. Allerdings haben wir den Winkel unterhalb des Kniegelenkes entsprechend verändert, sodass der Auftritt mehr im vorderen Bereich der Feder stattfindet. Seit dieser Zeit hat sich die Winkeleinstellung nicht mehr verändert. Der Nachteil war, dass Heinrich während des Abrollvorgangs nicht mehr lange genug auf der Feder stehen konnte. Die Folge war zunächst, dass er in der Abrollphase prothesenseitig in der Hüfte einknickte. Dieses führte zu einem instabilen Laufbild. Er versuchte die Instabilität durch seinen Oberkörper auszugleichen. Auch hier waren Videoanalysen sehr aufschlussreich. Fortan trainierte er seine Hüftstrecker auf der Prothesenseite derart, dass er in der Lage ist, den fehlenden Vorfuß so zu kompensieren, dass er im Oberkörper stabil bleiben kann. Hier würden wir uns eine spezielle Karbonfeder wünschen, die im Vorfußbereich trotz Spitzfußstellung ein Abrollen gewährleistet.

Im Bereich der Unterschenkelamputierten gestaltet sich die Versorgung etwas einfacher, da die Kombination zum künstlichen Kniegelenk fehlt. Das wichtigste Kriterium ist, wie bei allen Prothesenversorgungen, die Schaftgestaltung. Weiterhin ist natürlich zu unterscheiden, welche Sportart vollzogen werden soll. Für die Wurfdisziplinen sind die Sprintfüße eher ungeeignet. Hier greifen wir in erster Linie auf den CeterusTM mit seinen Rotationseigenschaften zurück.
Im Bereich Weitsprung ist der Sportler klar im Vorteil, wenn er in der Lage ist, mit seiner Prothesenseite den Absprung zu machen.
Der Vorteil liegt darin, dass zum einen die Federkraft des Karbonfußes ausgenutzt wird und zum anderen der Sportler mit seinem gesunden Bein mehr Schwung in den Sprung bringen kann. Wie die Praxis es gezeigt hat, sind die Weitspringer in der Lage, ihre Bestweiten um mehr als 50 – 80cm zu verbessern. Hier ist die Federstärke das wichtigste Kriterium. Je härter die Feder, desto höher ist die Federkraft. Allerdings darf dabei nicht der Anlauf außer Acht gelassen werden. Wenn die Feder zu hart zum Anlaufen ist, wird die Prothesenseite während des Laufs schneller als die gesunde Seite. Das Laufbild wird unrund. Weiterhin ist zu dieser Technik zu bemerken, dass die Athleten einen hohen Aufwand betreiben müssen, um ihre Rückenmuskulatur aufzubauen. Die Kräfte, die beim Absprung wirken, können ansonsten zu großen Schmerzen in der Wirbelsäule führen.
Für mich liegt die Faszination im Amputiertensport in der Kombination Mensch und Technik. Hier sind wir noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angekommen!
Thomas Kipping
OMM
Inh. APT Aktiv Prothesen Technik
Kontakt: APT, Aktiv Prothesen Technik, Auf dem Waasem 1, D- 56459 Stockum-Püschen
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